Das Dürener Realgymnasium mit Realschule

Gymnasium am Wirteltor, Düren
Aufsatz zur Geschichte des damaligen Dürener Realgymnasiums mit Realschule anlässlich der Hundertjahrfeier der Schule 1928 vom damaligen Schulleiter Dr. Max Weyrauch


Vorgeschichte und Gründung der Schule

Die Entstehung und Entwicklung des Dürener Realgymnasiums mit Realschule hängt naturgemäß aufs engste zusammen mit der Geschichte des Bildungswesens überhaupt.
Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaft und Technik, der Industrie und des Verkehrs brach Anfang des 19. Jahrhunderts überall in deutschen Landen eine neue Zeit herein, eine neue Zeit mit neuen Anschauungen, neuen Bedürfnissen, neuen Idealen. Hatte schon Herbart Ende des 18. Jahrhunderts sich für die stärkere Betonung der Muttersprache und der sogenannten Realien eingesetzt, so brachten es die politischen Verhältnisse mit sich, daß der Ruf nach ihnen immer stärker wurde. Unter dem Druck der napoleonischen Fremdherrschaft erkannte man, daß die Neubelebung, der Neuaufbau von innen heraus, durch Erschließung neuer Bildungswege erfolgen müsse. Diese Auffassung, die auch 1912 in der Aufstellung neuer Prüfungsvorschriften anstelle der alten von 1788 zum Ausdruck kam, begünstigte die Entwicklung der Realanstalten und "höheren Bürgerschulen". Zwar hatte man (durch die Verordnung vom 12. Januar 1816) zunächst versucht, den neuen Wein in alte Schläuche zu gießen und die Anforderung in den realistischen Fächern an den Gymnasien gesteigert. Aber man erkannte bald, daß es galt, ganz neue Bahnen einzuschlagen, und so begünstigte das nach der Neuordnung des preußischen Staates neugeschaffene Ministerium für Unterrichtsangelegenheiten dem allgemeinen Verlangen nachkommend die Gründung von Schulen rein realen Charakters, die man höhere Bürgerschulen oder, je nach ihrem Lehrgang, Realschule I. und II. Ordnung nannte.
Auch in Düren hatte sich diese Bewegung ausgewirkt, ja vielleicht umso stärker, als hier Handel und Industrie schon in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts zu selten rascher und kräftiger Entwicklung gelangten. Und es war auch nur natürlich, daß die Anregung zur Schaffung einer den neuen Bedürfnissen entsprechenden Schule von evangelischer Seite herkam, da gerade die industriellen Kreise dieses Glaubensbekenntnis vertraten. Von Seiten der Stadt wurde zum Bau einer Bürger- oder Realschule nichts unternommen, und so versuchte man dem Mangel an einer von dem reformierten Prediger Sommer gegründeten und von Pützfeld weitergeführten Privatschule dadurch abzuhelfen, daß der Unterricht in den Realien und in den neueren Sprachen in den Lehrplan aufgenommen wurde. Aber die politischen Verhältnisse verhinderten zunächst jegliche Entwicklung. Unter dem französichem Joch mußte das höhere Schulwesen verkümmern und verkümmerte es auch in Düren. Anders wurde es erst, als 1815 die Rheinlande zu Preußen kamen. Nun begann jender gewaltige Aufschwung rheinischen Geisteslebens, an dem auch die Schulen teilnahmen. Aber gerade einer der ersten wohltätigen Schritte der neuen Regierung - die Erhebung der Dürener Lateinschule zum Gymnasium im Jahre 1826 - zeigte "den Gliedern der evangelischen Gemeinden" Dürens, welche ihre Söhne meist zu Kaufleuten und Fabrikanten bestimmten, um so deutlicher dem Mangel einer ihrem Bedürfnisse entsprechenden Schule. Die Sonne der Pützfeldschen Anstalt neigte sich zudem ihrem Untergange entgegen. Auch für den Elementar- und Volksunterricht war eine neue Zeit angebrochen; das Bestehende genügte nicht mehr, man suchte nach Neuem, nach Besserem. So wagten es einige entschlossene und opferfreudige Männer, voran die Herren Leopold Schoeller und Wilhelm Bender zunächst den Weg der Selbsthilfe zu beschreiten und am 10. Juli 1828 die Knaben-Familien-Schule zu gründen, welche die Wiege des heutigen Gymnasiums werdem sollte.
So begann der Unterricht nach einem Aktenstück, das vom 2. September 1828, offenbar dem Entwurf zur ersten Hausmeister-Dienstanweisung in dem Spieß'schen Hause, das seitdem abgerissen worden ist und dem heutigen Pfarramte Platz gemacht hat, also neben unserem heutigen Vorderhause sich befand. Daran vorbei floß ein Bach und parallel zu ihm auf der Seite der heutigen Philippstraße ein anderer, in den jeder echte Dürener einmal gefallen sein mußte. Zwischen beiden lag das heute von unseren Gebäuden besetzte, damals als Garten benutzte Grundstück. Die Schule wurde nach der oben genannen Gründungsurkunde zu urteilen mit 16 Knaben eröffnet. Ein der Urkunde begefügtes Blatt nennt als Schüler: Wilhelm Schoeller (8 Jahre), Fritz Schoeller (5 Jahre), Kinder von Louis Schoeller. - Julius Schoeller (8 Jahre) und Felix Schoeller (6 Jahre), Kinder von Heinrich Schoeller. - William Schoeller (6 Jahre) und Otto Schoeller (5 Jahre), Kinder von Ernest Schoeller - und Alphonse Schoeller, Sohn von Franz Schoeller. Zugleich bringt es die folgende erste Übersicht über die Einnahme an Schulgeld:
    8 Kinder unter 7 Jahren
    4      "    von 7 bis 9 Jahren
    3      "       "   9 Jahren und darüber.
Monatliches Schulgeld:
    8 Kinder 1 ter Klasse á Thlr. 2         Thlr. 16,-
    4      "      2 "       "    á   "    2 1/2    "    10,-
    3      "      3 "       "    á   "    3          "      9,-
                                                                     
                                                            Thlr. 35,-
            per Jahr Thaler 420.
Diese Übersicht zeigt zugleich, daß man drei Klassen gebildet hatte, die aber offenbar in einem und demselben Zimmer unterrichtet wurden, denn die oben genannte Dienstanweisung sagt in Abschnitt 3, daß "die Stube", gleich dahinter "die Schulstube" jede Woche "ausgewaschen" und täglich gekehrt werden sollte.
Über die Persönlichkeit des ersten Lehrers, der auch Französisch zu unterrichten hatte, ist nichts Genaueres feststellbar. Jedenfalls war es 1830 schon nötig, einen zweiten anzustellen und das Schulgeld entsprechend zu erhöhen. Die Leitung lag in den Händen der Herren Leopold Schoeller und Wilhelm Bender, der Schriftverkehr indes wurde von Herrn Pfarrer Königsfeld besorgt. Die Aufnahme der Kinder erfolgte am 1. März und 1. September. Halbjährig wurden "in Gegenwart der Familienhäupter" Prüfungen abgehalten.
Von der Familienschule zur berechtigten Bürgerschule
Die Zustimmung der Kgl. Regierung zu Aachen ließ - nach Benrath - nicht auf sich warten. Die neue Anstalt wurde bald so beliebt, daß sie nicht nur von Dürenern, sondern auch aus dem Kreise und der weiteren Umgebung besucht wurde und bald außer evangelischen auch nichtevangelische Schüler zählte, nicht zum wenigsten dank dem Rufe, den der tüchtige, schon vorher an der reformierten Elemtarschule angestellte Michael Dörr genoß. Im Jahre 1831 wurde ihr die bisherige Paulische Mädchen-Familienschule angegliedert, 1832 der spätere Rektor H. E. Benrath auf Stolberg als Lehrer angestellt.
Nur eines fehlte noch: ein richtiges Heim für die neue Schule (auch Evangelische Stadtschule genannt). Aber gerade hier hatte die Haupttätigkeit der beiden genannten Gründer eingesetzt. Schon am 18. Juni 1828 war auf ihre Anregung hin eine Sammlung in die Wege geleitet worden und Ende 1832 war der Baufonds auf die für damalige Verhältnisse stattliche Höhe von 6978 Thalern angewachsen. Der Bauplatz selbst wurde von Herrn Leopold Schoeller gestiftet.
Nun ging man ans Werk ! Am 27. April 1833 konnte auf der vormaligen Promenade vor dem Philippstor der Grundstein gelegt und der Bau selbst nach dem von Stadtbaumeister Leydel (Aachen) entworfenen Plan im September 1834 beendet werden. Am 18. Oktober 1834 wurde das neue Gebäude - in dem heute Kataster- und Berufsamt untergebracht sind - im Beisein des Herrn Regierungspräsidenten eingeweiht. Es bestand damals aus einem Untergeschoß mit dem Küchen und Kellern der Lehrerwohnungen und 5 Schulsälen. Eine Steintreppe mit Geländr führte von beiden Seiten zum Eingang, 2 Tore rechts und links zu den Schulhöfen, die nach Geschlechtern getrennt waren. Die 6 halberhabenen Säulen, die noch heute zu sehen sind, schmückten schon damals die Vorderseite.
Die ganze Anstalt umfaßte zunächst 4 Klassen in 3 Stufen: eine Elementarklasse, eine Vorbereitungsklasse für die höheren Unterricht und je eine höhere Knaben- und Mädchenklase. Die Verwaltung und Leitung wurde durch die am 24. November 1834 von der Regierung genehmigten und in mehr als einer Hinsicht denkwürdigen "Organischen Statuten" geregelt. Lehrgegenstände waren außer Deutsch, Geschichte, Erdkunde besonders Mathematik, Naturgeschichte, die Anfänge der Naturlehre und Französisch; im Jahre 1849 kam in der obersten Klasse Englisch hinzu. Freilich hieß es mit dem vorhandenen Mitteln hauszuhalten, was manche wunderliche Bestimmung der "Organischen Statuten" erklärt. Die bis dahin gemachten Stiftungen hatten gerade zum Hausbau gelangt und auf große Einkünfte aus Schulgeldern war nicht zu rechnen: Es wurden monatlich 1 Taler für de Elemtarstufe, 1 Taler 15 Silbergroschen für die höheren Klassen erhoben ! So war es selbstverständlich, daß die oberen Knaben- und Mädchenklassen in einigen Fächern zusammen unterrichtet wurden. Bedenklicher schon war die Bestimmung (§6): "Von 3 Lehrern und 1 Lehrerin, welche man für den bezeichneten Zweck für nötig hält, kann vorläufig nur einer definitiv angestellt werden, die übrigen sollen noch provisorisch sein". Auch den Leiter sparte "man" sich. Die Verwaltung sämtlihcer Schulgeschäfte lag vielmehr in den Händen eines "Schulvorstandes", der auch die Lehrer und Lehrerinnen anzustellen, sich regelmäßig am ersten Donnerstag eines jeden Vierteljahrs zur Beratung über Schulangelegenheiten zusammenzufinden und gelegentlich auch "durch öftere Besuche der Schule während des Unterrichts zum Wohle derselbem möglichst mitzuwirken hatte" (§§26, 27 der O. St.). Er wählte aus seiner Mitte einen Auschuß, der aus 3 Mitliedern bestand, einem "Kassierer" und zwei "Schulpflegern". Der Kassierer hatte sich um die Erhebung des Schulgeldes und sonstigen Einnahmen sowie die Ausgaben zu kümmern, die von einem der beiden Schulpfleger anzuweisen waren (§25). Diese selbst hatten sich die übrige Verwaltung zu teilen, "also daß einer die Aufsicht über Gebäude, Schulutensilien, Anschaffung von Licht und Feuerung sowie die Reinlichkeit der Lokale" besorge, der andere das An-und Abmeldegeschäft, die Erledigung von Beschwerden und die Anschaffung von Büchern und Lehrmitteln übernahm (§ 26). Schüchtern heißt es noch zum Schluss (§ 31): " Bei Verhandlungen, die das Lehrfach betreffen, werden einer oder mehrere Lehrer zu Rate gezogen".
Das war sicher kein idealer Zustand, aber es mzßte wohl gehen, und es ging. Dank der Tüchtigkeit ihrer Lehrer erfreute sich die Schule sogar in steigendem Maße es Vertrauens der Bürger aller Bekenntnisse. Jedenfalls wuchs die Zahl der bald 5 Klassen füllenden Schüler von Jahr zu Jahr, ebenso wie die Zahl der Lehrer. Am 6. Dezember 1857 wurde endlich auch der bisherige Lehrer der Anstalt H. E. Benrath zum Leiter ernannt. Die drei Lehranstalten waren zwar immer noch räumlich und innerlich verbunden, aber man kann sehen, wie sich deutlich eine zweiklassige Elemtarschule von einer "höheren Töchterschule" und einer "Bürgerschule" abhob, auf der mit Französisch begonnen und - seit 1849 - auf den oberen Klassen Englisch gelehrt wurde. Der Unterricht wurde vormittags von halb 8 bis 12 und nachmittags von 2 bis 5 Uhr erteilt. Auch das Turnen fand damals schon eine Stätte. Es wurde an Geräten betrieben, die neben dem obengenannten Spießschen Hause standen. Das Schuljahr schloß Anfang September und begann Mitte Oktober. Es wurde - wie damals überall - mit einer öffentlichen Prüfung aller Klassen in verschiedenen Fächern beendet. Außer Herrn Rektor Benrath unterrichteten damal die Herren Hece, de Jung und Gräfinghoff. Die Erinnerung an diese Zeit ist noch heute lebendig.
Die höhere Bürgerschule
So standen die Dinge, als - am 6. Oktober 1859 - die neue Unterrichts- und Prüfungsordnung für die preußischen Lehranstalten erschien. Dazu waren inzwischen in M.-Gladbach, Lennep, Rheydt und anderen Orten "höhere Bürgerschulen" gegründet wurden, die zu Entlassungszeugnissen sowohl zum einjährigen Militärdienst wie zum Übergang auf die Prima einer Realschule I. Ordnung berechtigten. Es lag nahe, nunmehr auch unsere Schule dementsprechend auzubauen, schon um dem schwer empfundenen Übelstande abzuhelfen, daß die Schüler der obersten Klasse zur Ablegung einer Prüfung die Lehranstalten der Städte Aachen, Köln, Düsseldorf, Elberfeld besuchen mußten.
Nachdem andere Wege vergeblich versucht worden waren, entschloß sich denn auch der rührige Schulvorstand zu einem dementsprechenden Vorgehen - wiederum aus eigener Kraft. - Die beiden Elementarschulklassen wurden abgetrennt und - 1860 - wenigstens die obersten Bürgerschul- und Mädchenschulklassen nach Geschlechtern geschieden. Zwei neue Lehrer traten in das Lehrerkollegium ein, und der Lehrplan wurde unter Erweiterung des naturwissenschaftlichen und Einführung des Latein-Unterrichts auf der obersten Knabenklasse dem der berechtigten Bürgerschulen angeglichen. Auch die Lehrmittelsammlungen wurden vervollständigt, besonders die für Physik und Chemie. Und wie früher Herr Kommerzienrat Leopold Schoeller für den zoologischen Unterricht gesorgt hatte, so ermöglichten auch jetzt - 1862 - die Freunde der Anstalt die Einrichtung einer für damalige Verhältnisse außerordentlich beachtungswerten chemisch-physikalischen Sammlung.
Als dann Anfang 1863 auf Bitte des Schulvorstandes und im Auftrage des Ministeriums der Vertreter des Provinzialschulkollegiums, Herr Geheimrat Dr. Landferman die Anstalt besichtigte, konnte auf seinen Bericht hin die Anerkennung der Schule als berechtigte höhere Schule in Aussicht gestellt werden. "Die Anstalt" - hieß es in einer Mitteilung des damaligen Kuratoriums, die im Juni 1863 in den Zeitungen erschien - "kann jetzt zuversichtlich erwarten, daß sie in Kürze schon ihren abgehenden Zöglingen die Vorteile gewährt, welche der Besuch einer berechtigten Bürgerschule gesetzlich verleiht, namentlich das Recht zum freiwilligen einhährigen Militärdienst. Sie wird wie bisher jeder konfession ihre aufrichtige Achtung beweisen, alle ihre Schüler als vollkommen berechtigt ansehen, und dies auf dadurch an den Tag legen, daß sie einen tüchtigen katholischen Religionslehrer zu gewinnen sucht, und das Schulgeld für alle Schüler derselben Klasse ohne Unterschied der Konfession gleichstellt."
Freilich galt es, noch einigen weiteren Forderungen nachzukommen, so die Zahl der akademisch vorgebildeten Lehrer zu erhöhen, den bisherigen Leiter als "Rektor" anzuerkennen, die Knabenanstalt völlig von der Mädchenschule (wurde 1879 zum Städt. Oberlyzeum - Anmerkung: jetzt vielleicht St. Angela ??? ) zu trennen und - die Hauptsache - in einem neuen Gebäude unterzubringen. In der Tat war ja das alte Kleid längst zu eng geworden. Die Zahl der Schüler war in den ersten 30 Jahren von 73 auf mehr als 240 gestiegen. Schon 1852 mußte daher ein Teilder Lehrerwohungen des alten Baues, 1863 der untere Stock eines Hauses für die Einrichtung von zwei weiteren Klassenräumen gemietet werden. Wieder wurde "gesammelt", und wieder zeige sich die alte Opferfreudigkeit, ja diesmal nicht nur in der evangelischen Gemeinde, donern auch bei weiteren Kreisen. Die freiwilligen Beiträge ermöglichten nicht nur den Bau einer neuen Bürgerschule mit Rektorwohung, sondern auch die Aufstellung eines geordneten Haushaltsplanes. Am 4. August 1863 wurde im Beisein der Behörden, des Lehrerkollegiums und der Schüler der Grundstein dazu gelegt. [...] Auf Grund der ministeriellen Verfügung vom 4. Juli 1864 wurde dann in der Zeit vom 8. bis 12. August die schriftliche, und am 24. und 25. August die erste mündliche Prüfung abgehalten. Geprüft wurde in Religion, Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Latein, Französisch, Englisch, Mathematik, Botanik und Naturlehre. [...] Am 27. September 1864 erkannte daraufhin der Herr Minister die Anstalt als "berechtigte Bürgerschule" an.
Die Einweihung des neuen Gebäudes, die beim Beginn des neuen Schuljahres, am 11. Oktober 1864, erfolgte, gestaltete sich dadurch besonders freudig und weihevoll, und wieder war es Pfarrer Matthias, der unter Hinweis auf den Ursprung der Anstalt betonte, daß sie trotzdem weit entfernt sei, "eine engherzige und einseitige Richtung zu verfolgen." [...]
Dank der Umsicht des Bauauschusses und dem Entgegenkommen der Evangelischen Gemeinde, die den Bauplatz überließ, konnte für die zur Verfügung stehende Summe von 15.000 Talern der Bau nach dem Plane des Kreisbaumeisters Kniesche so ausgeführt weren, daß er allen damaligen Bedürfnissen voll entsprach. Die beiden Häuser, die heute ein Ganzes, das sogenannte Hauptgebäude, bilden, waren damals noch voneinander getrennt und zweistöckig. Der davorliegende Raum war teils durch einen zum Rektorhaus gehörigen Garten, teils durch den Schulhof ausgefüllt, der wiederum durch einen von West nach Ost laufenden Zaun in zwei Teile zerfiel. Der für de Bürgerschule bestimmte hatte seinen Ausgang nach der Philippstraße. Links vom Eingang des Schulgebäudes, d.h. des nach Osten liegenden Baues befand sich die Schuldienerwohunung. An ihr vorbei führte eine Treppe zu dem Gang mit dem Schulzimmern der Sexta, Quinta und Quarta, dem Zeichensaal (der heutigen Lehrerbücherei) und einem Raum für Chemie. Im oberen Stock befanden sich außer dem Klassenzimmern für Tertia und Sekunda, Aula, Physiksaal, Beratungszimmer und Bücherei. Das auf dem gleichen Gründstück befindliche Nebengebäude, das heutige Vorderhaus, enthielt zwei Klassen der Elementarschule und diente vor allem den Zwecken der höheren Mädchenschule. Als diese 1879 von der Stadt übernommen wurde, kamen dafür die naturwissenschaftlichen Sammlungen nebst Physik- und Chemiesaal hinein.
Die neue Anstalt war und blieb zunächst der Kg. Regierung in Aachen unterstellt. Die Lehrverfassung entsprach auch in den folgenden Jahren im wesentlichen der von 1865. Nur vereinzelt tritt einmal (im Bericht für das Schuljahr 1866/67) in Quarta zu den sonstigen 2 Erdkundestunden 1 Stunde mathematische Geographie hinzu, die später in U II erscheint; auch wird seit 1869 die Zahl der Latein- und Rechenstunden auf Sexta um ja 1 Stunde gekürzt. Nicht ohne Reiz ist ein Blick auf die damalige Ferienordnung:
    Herbst:            34 Tage
    Neujahr          10   "
    Ostern             21   "
    Pfingsten          3    "
    Anna Kirmes (!) 2   "
Das neue Schuljahr begann wie früher am 4., 5. oder 6. Oktober und schloß vor den Herbstferien. Auch die schon oben erwähnte öffentliche Prüfung mit musikalischen und anderen Vorträgen blieb in alter Form trotz der räumlichen Trennung von den Schwesteranstalten erhalten, wobei ein 1865 von Gännern und früheren Schülern der Anstalt gestiftetes Klavier gute Dienste leistete. Erfreulicherweise kam es auch schon um diese Zeit zu größeren Schenkungen. Erwähnt seien vor allem die Wilhelm Schüllsche Freistellen - Stiftung und die der Frau Wwe. J. W. Hoesch.
Am 11. und 12. August 1868 wurde die Anstalt von Herrn Ob.-Reg. und Min.-Rat Dr. Wiese besichtigt. Er erklärte, daß die Höhere Bürgerschule nunmehr in vollem Maße befähigt sei, die Rechte der Realschule I. Ordnug bis zur Prima zu erlangen. Durch Erlaß des Herrn Ministers der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten wurden am 21. September 1868 der Anstalt weitere Berechtigungen zuerkannt, vor allem die, das Zeugnis behufs Meldung zum einjährigen Militärdienst zu erteilen. So tritt in den Akten der Schule im Jahre 1869 zum ersten Male eine Obersekunda auf, und die Anstalt war siebenklassig, wenngleich die beiden Sekunden außer in Mathematik und Chemie zusammen unterrichtet wurden. Daher kommt auch bei dem 50-järigen Amtsjubiläum des Herrn Rektors Benrath im Jahre 1882 die ehemaligen Schüler den Festsaal in der Harmonie mit dem sinnigen Spruch schmückten:
    In der Schule meine Bank
    Rutscht' ich sieben Jahre blank.
    Für die Hiebe, für die Liebe
    Meinem Lehrer ew'gen Dank.
(Anmerkung: bin ich froh, nicht mehr in dieser Zeit zu leben ;-)
Ein weiterer Erfolg war der Bau einer neuen Turnhalle, die 1868 in Benutzung genommen wurde und gleichzeitig, stets von Herrn Philipp Schoeller ausgeschmückt, als Festsaal diente. Aus jener Zeit stammt auch eine Fahne, mit den neuen deutschen Farben, die 1871 die Sekunda schenkte, um ihrer Freude über die Erfolge des deutschen Heeres Ausdruck zu geben. Finanziell wurde die Schule durch viele weitere Stiftungen ([...]) gefördert. In kurzer Zeit kam ein Kapital von 83.000 Talern zusammen, von dem 45.000 Taler für die Bürgerschule, 25.000 Taler für die Töchterschule und der Rest für einen Neubau der Töchterschule bestimmt wurde.
Die Entwicklung zum Realprogymnasium
Durch Verfügung vom 29. Dezember 1874 kam die Anstalt zum Verwaltungsbereich des Provinizialschulkollegiums in Koblent, das ja früher schon in Unerrichtsfragen mitgewirkt hatte. Bald darauf - am 8. 3. 1875 - wurde der Anfang des Schuljahres auf Ostern verlegt und eine neue Ferienordnung eingeführt, die freilich die Anna-Kirmes nicht mehr berücksichtigte. Die Lehrerverfassung blieb dieselbe, nur erhielt Latein in Sexta seine alte Stundenzahl 8 wieder, die vorübergehend verringert worden war. Im Herbst 1875 kam es zu der seit langem nötigen Teilung der Tertia in eine Unter und Obertertia; war doch die Schülerzahl von 87 im Winterhalbjahr 1866 auf 119 im Winterhalbjahr 1874/75 gewachsen. Damals schon überstieg zeitweilig die Zahl der katholischen Schüler die der evangelischen. Ostern 1882 wurden auch die beiden Untersekunden getrennt.
Im Mai 1882 erhielt die Anstalt den Namen "Realprogymnasium". Stolz und befriedigt durfte daher Rektor Benrat auf seine jahrzehntelange Tätigkeit zurückglicken, als er Ostern 1884 die Leitung an seinen Nachfolger Dr. Reinhold Becker abgab.
Einen schweren Verlust erlitt die Anstalt am 18. Dezember 1884 durch den Tod des Herrn Geheimrat Leopold Schoeller. Von Anfang ihres Bestehens an hatte er sie mit Rat und Tat gefördert. Vor seinen Tode hatte er noch für die Schule 70.000 M. gestiftet unter der Bedingung, daß bis zum 1. Dezember 1884 weitere 50.000,- durch freiwillige Beiträge aufgebracht würden. Er hat es noch erlebt, daß nicht nur diese Summe zusammenkam, sondern die Sammlung die Höhe von 112.000 M. erreichte, der seine Erben 50.000 M. hinzufügten. Eine Stiftung von 15.000 M. hatte schon vorher Herr Geh. Kommerzienrat Karl Schleicher der Anstalt vermacht. So konnte diese im Jahre 1885 stiftischen Charakter erhalten.
Aber nicht nur die finanzielle Grundlage wurde in diesen Jahren verbessert, es kam auch zu weiteren Fortschritten auf dem Gebiete des Unterrichts. Im Jahre 1877 konnte nach jahrelangen, anfangs fruchtlosen Bemühungen des Kuratoriums der katholische Religionsunterricht in den Lehrplan eingefügt werden; bald darauf gelang es auch, die Mitbenutzung der Ursulinenkirche für den katholischen Schulgottesdienst zu sicher. Zwei Jahre später - 1889- wurden dank einer Zuwendung von 2000 M. durch die Söhne des ehemaligen Kuratoriumsmitliedes Herrn Viktor Hoesch die Lehrmittelsammlungen für Physik und Chemie weiter ausgestattet. Erwähnt sei ferner die Einführung des Kurzschrift-Unterrichts - 1889 -, um die sich Herr Professor Schürmann ebenso verdient machte, wie um die Förderung von Schüler-Aufführungen bei den amtlichen Feiern. Und auch die körperliche Ausbildung unserer Schüler stand damals schon auf ansehnlicher Höhe: opferte doch Herr Reichard seine ganze freie Zeit, um mit unseren Jungen hinauszuziehen in Wald und Feld, und am Berzbuirer Knipp Geländeübungen zu verstanstalten, an die noch mancher heute mit Vergnügen zurückdenken wird.
Die Oberrealschule mit realgymnasialen Unterbau
Inzwischen waren in Preußen infolge der Unterrichtsreform vom Jahre 1892 allgemein neue Lehrpläne aufgestellt worden, die natürlich auch für unser Realprogymnasium Geltung hatten und u.a. zur Verlegung des Latein-Unterrichts nach Quarta führten. Die wesentliche Änderung, die uns zunächst hart traf, bestand darin, daß alle höheren Lehranstalten fortan in 6-klassige und 9-klassige eingeteilt wurden. Das bedeutete den Abbau der Obersekunda an allen siebenklassigen Anstalten, und damit auch bei uns. Zwar versuchte das Kuratorium sie durch eine Eingabe zu erhalten, aber es war umsonst. Dafür wurde ihm durch das Provinzialschulkollegium in Koblenz der Ausbau der Schule in der Form nahegelegt, daß unser bisheriges Realprogymnasium in eine lateinlose Realschule umgewandelt und dieser ein Oberbau angegliedert werden sollte, auf dem auch Latein getrieben werden konnte.
Der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden. Auf Anregung der Herren Philipp Schoeller, Geheimrat Hoesch und anderer Freunde der Anstalt wurde beschlossen, wiederum durch freiwillige Gaben die erforderlichen Mittel zu beschaffen. Und jetzt trat so recht der Mann in Tätigkeit, der von da ab bis zum Tode der Erzsäckelmseiseter der Anstalt werden sollte, Herr Viktor Schoeller. Infolge seiner Bemühungen hatten die Zahlungen bald eine Höhe von 209.000 M. erreicht. Dazu kam noch die hochherzige Felix Schleicher-Stiftung von 100.000 M., die ein Bruder des Verstorbenen und wie jener ein Schüler er Anstalt, Herr Richard Schlecher aus Schoenthal, in dessen Sinne seiner alten Schule zuwandte: sie kam am 1. Juli 1893 zur Auzahlung und sollte dazu dienen, begabten und strebsamen Schülern der Anstalt ohne Ansehung des Glaubensbekenntnisses freien Unterricht zu gewähren.
Freilich konnte man sich nicht dazu entschließen, den Lateinunterricht auf der Mittelstufe aufzugeben und bat darum, dafür einen lateinlosen Oberbau mit dem Lehrplan der Oberrealschule aufsetzen zu dürfen. Am 3. Juni 1893 erteilte der Herr Unterrichtsminister hierzu seine Genehmigung unter der Voraussetzung, daß die beteiligten Kreise in Düren wie bisher so auch fernerhin die Entwicklung der Anstalt insbesondere Ihrer finanziellen Sicherstellung das gleiche Interesse entgegenbringen würden. Auch bewilligte er ihr zur Durchführung des neuen Normaletats einen staatlichen Zuschuß von 4500 M. Dazu kamen noch die Einkünfte aus der Verpachtung des sog. Disternicher Hofes. Mit welcher Freude muß diese Entwicklung unseren damaligen Kuratoriums-Vorsitzenden, Herrn Pfarrer Matthias erfüllt haben, der nunmehr die Führung der Kuratoriumsgeschäfte in die Hände des Herrn Direktors Dr. Becker und des Kassenkurators Herrn Viktor Schoeller legen konnte.
Jetzt ging man daran, die noch erforderlichen Räumlichkeiten zu beschaffen und die Lehrmittelsammlungen zu erweitern, wobei nicht unwesentlich Herr Heinrich Schoeller und Herr Eberhard Hoesch dadurch mithalfen, daß der eine die am Veldener Hof gelegene Wiese zu Turnspielen zur Verfügung stellte, der andere das physikalische Kabinett damals und auch später wiederholt durch wertvolle Geschenke ergänzte. Ostern 1894 wurde die neue Obersekunda in den Vorderhaus-Räumen eröffnet, die bis dahin den Zwecken der Elemtarschule gedient hatten, dazu der Schulhof durch Hinzunahme des kleineren bisherigen Elemtarschulhofes erweitert. Nachdem so alle Bedingungen für den Ausbau der Anstalt erfüllt waren, erfolgte am 30. März 1895 ihre Anerkennung als Oberrealschule. Eine neue Sammlung in höhe von rund 24.000 M. ermöglichte endlich auch den Bau einer Aula über der Turnhalle, die 1896 eingeweiht und im folgenden Jahre durch die Bilder der Stifter und zwei von den Herren Richard Schleicher und Ewald Schoeller geschenkte Gemälde ausgeschmückt werden konnte; dazu kamen später von den Herren Guido Schoeller, Karl und Hugo Schoeller und Kommerzienrat Heinrich Schoeller gestiftete Originale, während Herr Philipp Schoeller und andere Freund im Anschluss an eine Kaisergeburtstagsfeier Herrn Reichard die Mittel zum Ankauf unseres vorzüglichen Ibach-Flügels überreichten. Bald darauf erhöhte eine Stiftung des Herr Erich Schleicher, eines Bruders des Herrn Feilx Schleicher, das Anstaltsvermögen um weitere 100.000 M.
Die Zeit des Realgymnasiums
Es lag nahe, daß die Entwicklung der Schule bei der eigentümlichen Form einer Oberrealschule mit realprogymnasialem Unterbau nicht Halt machen konnte, zumal da der völlige Verzicht auf das Lateinische von O II ab nicht im Sinne des Kuratoriums war und den Interessen der die Anstalt besuchenden Kreise nur zum Teil entsprach. Schon im Dezember 1900 erfolgte daher eine Eingabe an das Unterrichtsministerium, in der gebeten wurde, den Latein-Unterricht bis zur Oberprima durchführen zu dürfen. Daraufhin genehmigte am 19. Januar 1901 der Herr Unterichtsminister die Umwandlung der "Oberrealschule mit realprogymnasiualem Unterbau" in ein Realgymnasium.
Sonst sind aus dieser Zeit wesentliche Ereignisse nicht zu verzeichnen. Das Jahr 1904 brachte eine neue großzügige Schenkung des Herrn Benno Schoeller zur Erinnerung an seinen Sohn, die "Oberlandesgerichtsrat Walter Schoeller-Stiftung", deren Zinsen dazu dienten, begabten ehemaligen Schülern das Studium der Universität oder technischen Hochschule zu erleichtern; ein Zeichen dafür, daß die Fürsorge unserer Freunde für unsere Schüler nie rastete.
Die Entwicklung zur heutigen (1928) Anstaltsform
Inzwischen war die Besuchsziffer der Anstalt beständig gewachsen; von 95 im Jahre 1884 auf 160 im Jahre 1894 auf 226 im Jahre 1904 und auf 165 im Jahre 1907. Eine Erweiterung der Gebäude, besonders auch der Unterrichtsräume für Chemie, Physik und Zeichnen war nicht mehr zu umgehen. Sie war auch verhältnismäßig leicht zu bewerkstelligen, vorausgesetzt, daß die erforderlichen Mittel aufgebracht wurden. Man trat deshalb jetzt dem Plane näher, ob nicht dabei gleichzeitig eine Realschule, deren Gründung in Düren seit einiger Zeit ins Auge gefaßt wurde, an das bereits bestehende Schulgebilde angegliedert werden könne. Dazu kam, daß inzwischen in Preußen eine neue Anstalt, das Reform-Realgymnasium emporgeblüht war, die eine solche Verschmelzung einer lateintreibenden mit einer lateinlosen Anstalt nicht nur ermöglichte, sondern geradezu nahelegte. Entsprechende, in verschiedenen Städten bereits unternommene Versuche mit der neuen Doppelschule waren zudem überall erfolgreich gewesen. Und der Vorteil für die Eltern sprang ohne weiteres in die Augen: hatten sie es doch, da der Unterbau beider Anstlten gemeinsam und lateinlos war, zunächst drei Jahre in der Hand, ob sie Ihren Sohn überhaupt Latein lernen lassen wollten, konnten erst in Ruhe seine Entwicklung abwarten und beide Wege offen lassen. So entschloß sich auch unser Kuratorium im Jahre 1908 mit Zustimmung der vorgesetzten Behörde, das besherige Realgymasium in ein solches Reformrealgymnasium nach dem Frankfurter System umzuwandeln und der Stadt gegen einen verhältnismäßig geringen Zuschuß die Angliederung der 3 Realklassen von Untertertia ab anzubieten, wogegen es sich zur Anstellung weiterer katholischer Lehrer verpflichtete. Am 22. Dezember 1908 beschloß die Stadtverordneten-Versammlung einstimmig, hierauf einzugehen und einen jährlichen Zuschuß von 18.000 M. zu leisten. Eine Sammlung unter den Freunden der Anstalt erzielte einen Betrag von 200.000 M., zu dem noch eine Stiftung des Herrn Eberhard Hoesch in Höhe von 50.000 M. kam, so daß im ganzen 250.000 M. -außerden staatlichen und städtischen Zuschüssen- für die Deckung der entsehenden Unkosten zur Verfügung standen.
Die erforderlichen Erweiterungen konnten numehr nach den Plänen des Herrn Architekten Börstinghaus in Angriff genommen werden. Das frühere Direktorhaus wurde abgerissen, und an seine Stelle trat ein Ausbau des bisherigen Gebäudes, das zugleich aufgestockt, und mit den erforderlichen Unterrichts- und Übungsräumen für Physik und Chemie sowie einer Sternwarte ausgestattet wurde. Eine neue Dienstwohnung wurde auf dem Gelände des früheren Gartens Ecke Schenkelstraße und Philippstraße erbaut. Ein weiterer Teil dieses Gartens wurde zur Vergrößerung des Schulhofes verwendet. Eine Zentralheizungs- und Lüftungsanlage im Hauptgebäude und ein späterer Treppenumbau im Vorderhause vervollständigten das Werk. Dankbar sei hierbei auch der treuen Mitarbeit des damaligen Hausmeisterpaares Gebauer gedacht.
Aber auch der innere Ausbau der Schule machte auß er dem oben bereits genannten wesentliche Veränderungen durch. Es wurde eine Anzahl neuer Stellen für katholische Lehrer geschaffen und - am 1. Juli 1908 - israelitischer Religionsunterricht eingeführt. Vor allem aber konnte nunmehr der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht nach den Anregungen und Plänen unseres stets dafür sorgenden Amtsgenossen Walter Schmidt ausgestaltet werden.
Für die künstleriche Ausschmückung sorgten Herr Kommerzienrat Heinrich Schoeller, der damals das erwähnte Kaiserbild schenkte, und Herr Geheimrat Dr. Becker, der zu diesem Zweck eine ihm überreichte Jubiläumsgabe von 4000 M. als Stiftung überwies.
Ostern 1911 wurde dann die erste Realuntertertia eröffnet, Ostern 1912 die Real-Obertertia und Ostern 1913 die Real-Untersekunda. Am 3. März 1914 erfolgte die ministerielle Anerkennung der neuen Realschule.Sie zählte zu dieser Zeit (UIII-UII) 52 Schüler, die gesamte Schule 359. Das Lehrerkollegium umfaßte 21 Herren, darunter drei nicht fest angestellte. Unsere reichen Stiftungen sorgten für das Wohlergehen der Anstalt und ihrer Schüler
Da kam der Krieg, kam die Inflation, kam die Besatzungs-Ausweisungs- und Seperatistenzeit, kamen alle die damit verbundenen Nöte.
So waren die Verhältnisse recht ungünstig, als am 1. Oktober 1914 der augenblickliche Leiter an die Stelle von Geheimrat Dr. Becker trat. Acht Mitglieder des Lehrerkollegiums waren im Laufe des Jahres zum Heeresdienst eingezogen worden, drei weitere folgten im Jahre 1915. Aber die Schwierigkeiten wurden dank der aufopfernden Arbeit des Lehrerkollegiums bald überwunden. Rasch entschlossen traten die Zurückgebliebenden in die Bresche. Jahrelang unterrichtete man vor zusammengelegten und daher reichlich überfüllten Klassen, die auf der Unterstufe bis zu 90 und mehr Köpfen zählten. Dazu galt es, einen Teil der leiblichen Fürsorge für die Schüler während der Pausen, vor allem aber die Leitung der zahllosen Sammlungen und Hilfsarbeiten bis zur Führung von landwirtschaftlichen und Etappen-Abteilungen in die Hand zu nehmen. Aber man tat es gern: es war ja nichts im Vergleich zu dem, was "draußen" geleistet wurde.
Und hilfsbereit waren auch die Schüler von der Sexta bis zur Prima, um wenigestens etwas ihren einstigen Kameraden nachzueifern, die nach Erlangung der Notreife unter Einsatz ihres Lebens hinausgezogen waren. Es kann hier nicht all der Kriegsarbeit von damals gedacht werden, nicht der vielen Veranstaltungen, die Schule und Elternhaus so recht zur Schulgemeinde zusammenschmiedete. Erinnern uns doch noch heute zwei Zeugen jener Zeit an sie: das von den Damen des Kuratoriums am 21. März 1915 gestiftete Schulbanner und das Wahrzeichen im Hauptgebäude, dessen Nagelung 1000 M. einbrachte und unserem Hindenburg ein Zeichen unseres Gedenkens gab. Geradezu erhebend aber war der fürsorgende Eifer der Jungen, als es galt unsere heimkehrenden Streiter zu empfangen und zu betreuen, wenngleich so mancher Wackere vermißt wurde: Drei Lehrer, Steinert, Schminke und Vogel und über 100 Kameraden hatten ihr Leben bei der Verteidigung der Heimat gelassen.
Ja, es war trotz der Störung mancher Stunde durch Bombenalarm eine große Zeit, als wir so nagelten und nicht nur Gold sondern die unglaublichsten Dinge sammelten, als auf dem Speicher der Brennesselvorrat und in der Turnhalle das Laubheu trocknete, und als zum Schluß die Schule wochenlang ausfiel, weil die Anstalt als Soldatenherberge und militärische Dienstelle diente. Daß hierbei der Unterricht nicht immer zu seinem Recht kam, war nicht zu vermeiden, dafür dürfte sich aber die Heranziehung des damaligen Schülergeschlechts zu all jenen Arbeiten erzieherisch ausgewirkt haben.
Anders war es schon mit den Folgen einer weiteren Begleiterscheinung, der Geldentwertung. Wie beunruhigend sich diese gerade an unserer Anstalt auswirkte, können nur die beurteilen, die jene Zeiten durchgemacht haben. Zum Glück war das Schlimmste vorbei, als Staat und Stadt sich dankenswerterweise in die Aufbringung des Zuschusses teilten, der seit der Inflation erheblich größer sein musste als früher. Tröstend war es, daß selbst in dieser Zeit die Treue unserer Freunde sich bewährte. Am 23. Februar 1920 stifteten Herr und Frau Kommerzienrat Heinrich Schoeller 129.000 Mark, um das Andenken ihres im Weltkriege bei Soissons gefallen Sohnes Waldemar, unseres ehemaligen Schülers, zu ehren, mit dem Zwecke, erholungsbedürftigen Schülern eine Wiederherstellung der Gesundheit zu ermöglichen. Ebenso erfüllten Herr und Frau Fabrikant Max Hoesch in Düren am 20. März 1920 einen Wunsch ihres Sohnes Alfred, der seinen Wunden erlegen war und überreichten uns ein Kapital von 6000 Mark, dessen Zinsen dazu verwendet werden sollten, Schülerwanderungen und Schüleraufführungen zu fördern.
Dagegen brachte die Besatzungs- und Seperatistenzeit nur Schweres ohne ausgleichende Lichtblicke. Wer es mit erlebt hat, erinnert sich noch heute daran, wie die ersten englischen Beckenhelme hinter unserem Schulhofzaun auftauchten ! Aber es gelang durch Verhandlungen und rasche entsprechende Umwandlung des Vorderhauses die Beschlagnahme er Anstalt auf dieses und das Aulabegäude zu beschränken, und der Unterricht konnte in dem von unseren Jungen mit unglaublicher Fixigkeit wiedereingerichteten Hauptgebäude sofort aufgenommen werden. Auch die Mibenutzung unserer chemischen Sammlung störte nicht sehr, obgleich ein Platinbecher in englische Gefangenschaft geraten war und daraus nur nach langer mühseliger Jagd des Anstaltsleiters durch die Kölner englischen Haupt- und Nebenquartiere befreit werden konnte. Schlimmer war es dem Gymnasium ergangen, das ganz aus seinen Räumen weichen und bei uns unterschlüpfen mußte. Wir teilten uns in der Unterrichtszeit von 8 Uhr morgens bsi 6 oder 7 Uhr abends. Das gab natürlich einen eigenartigen, nicht gerade leistungsfördernden Stundenplan, war aber auszuhalten, weil man die Schule sonst – von der Einquartierung im Wohnhaus des Direktors abgesehen – in Ruhe ließ. Im Jahre 1919 zogen die Engländer ab und wurden durch Franzosen ersetzt. Die beschlagnahmten das Obergeschoß der Direktorwohung, 2 Klassenräume im Vorderhause für die Zwecke einer französichen Elemtarschule (!) und benutzten an mehreren Nachmittagen andere Räume zu Offizierskursen. Zündstoff gab es genug, und bei jeder Explosion wurde der Anstaltsleiter vor die Delegierten geladen, um sich zu verantworten. Dazu mußte – im Sommer 1921 – nochmals das Gymnasium aus seinen Räumen weichen, und nochmals wurde der "bewährte" Stundenplan erprobt. Dann kam die Zeit des passiven Widerstandes, der Bahnbeschlagnahme und damit die Notwenigkeit einer völligen Umstellung mit Rücksicht auf die auswärtigen Schüler, die schwer litten. Im März 1923 wurde der Anstaltsleiter ausgewiesen; ihm folgten Studienrat Schmidt und Zeichenlehrer Ahrens. Am 12. Juni 1923 wurde die Anstalt in eine Regiedirektion umgewandelt, und jetzt war es umgekehrt das Gymnasium, das uns half und fast zwei Jahre sein Gebäude zur Verfügung stellte. Beide Anstalten hatten schwer unter diesem Zustande zu tragen, zumal die bald darauf einsetztende Seperatistenzeit ja auch nicht gerade dazu angetan war, in Muße zu lehren und zu lernen.
Nun, auch das ging vorüber. Ende Dezember 1924 wurde die Anstalt freigegeben, bis auf das obere Stockwerk der Direktorwohung, und auch die Ausweisungen wurden um diese Zeit aufgehoben. So kamen wir wieder in das alte Gleis. In das alte Gleis? Nun, wie man es nimmt. Schon im Kriege war ja viel Neues aufgetaucht. Dazu gehörte vor allem die Heranziehung der Schüler zu allen möglichen Arten von technischer Betätigung. Sie führte zugleich organisatorisch zur Bildung von Ausschüssen, die nicht negativ mit Worten und Phrasen sondern positiv mit Hand und Herz an dem Leben der Schule mitwirkten, und eine weitere Folge war die Bildung neuer Vereine. Der schon früher vorhandene Schülersportverein, aus dem sich der Sportklub "Germania" entwickelt hatte, bekam Gesellschaft. Ein Ende 1914 gegründeter Literarischer und ein um die gleiche Zeit entstandener Orchester-Verein haben uns zu mancher schönen Feier verholfen, vor allem aber zusammen mit dem 1918 gegründeten Wanderbund und einem Schüler-Turnverein aus dem Jahre 1926 dazu beigetragen, daß ein wirkliches Gemeinschaftsleben sich entwickelte und mit ihm eine größere Möglichkeit der Selbsterzieung und der Erziehung durch die Kameraden; die nach der Revolution amtlich vorgeschriebenen Schüler-Auschüsse waren damit schon überholt. Und Hand in Hand damit war gegangen - nicht zum wenigsten auch infolge der drei im Kriege geschaffenen und seitdem zur ständigen Einrichtung gewordenen Elternabende - eine Vertiefung, ich möchte fast sagen eine Vergemütlichung des Verhältnisses zum Elternhaus. So wurde es möglich, daß die nach 1918 amtlich vorgeschriebenen Elternbeiratsbestimmungen nicht als neu und lästig, sondern eher als etwas Überflüßiges empfunden wurden, jedenfalls war der nach ihnen geschaffene Elterbeirat von anfang an von jenem schönen Geiste der Eintracht beseelt, dem wir manche Förderung verdanken. Dazu waren neue Lehrverfassungen und neue Lehrpläne für alle preußischen höheren Lehranstalten herausgekommen. Es galt, sich darauf einzurichten, unter anderen durch die vom Minister neugeschaffene Einrichtung der "Arbeitsgemeinschaften" gewisse, außer allem Zweifel vorhandene Schönheitsfehler der Reform auszugleichen. Vor allem aber mußten wir Stellung nehmen zu der neuen Form des Reform-Realgymansiums, das nach Anfangsunterricht des Lateinischen von Unter-Tertia nach Unter-Sekunda verschob. Wenn dabei Kuratorium, Lehrerkollegium und Elternschaft von der Vergünstigung Gebrauch machten, den bisherigen Zustand zunächst beizubehalten, so war das nicht nur ein Gebot abwartender Klugheit, sonder es lag auch in der Linie der bisherigen Entwicklung. Schwieriger war schon die Frage des Ausbaues der Realschule zur Vollanstalt. Sie drängte sich umso gebieterischer auf, als das Berechtigungswesen eine Entwicklung nahm, die zwar unerfreulich, mit der aber die Tatsache zu rechnen war. Hier halfen wir uns zunächst durch Kurse, und als man diese nicht länger genehmigte dadurch, daß der Übergang auf unsere lateintreibende Vollanstalt im Notfall nach Kräften ermöglicht wurde, damit unsere Schüler nicht andere Städte auzusuchen brauchten. Weitere Lösungen werden gesucht, ruhen aber wie mancher andere schöne Plan noch im Schoße der Zukunft.
Wie diese nun auch gestaltet sein möge, man kommt bei Betrachtung des besherigen Lebenslaufes unserer Schule wohl zu dem Ergebnis: Wir können nur mit größter Hochachtung und bewegten Herzens auf das schauen, was in der Vergangenheit gebaut und geschaffen worden ist. Wir können uns der Gegenwart freuen: ist doch seit 1914 die Schülerzahl von 369 auf 520gewachsen und mit ihr die Zahl der Lehrer auf 24, und erfreut sich doch die Anstalt der Gunst der Bürger aller Bekenntnisse und Schichten. Wir können nach alledem aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen in der festen Überzeugung, daß eine so blühende Schule auch im kommenden Jahrhundert ihres Daseins in stetigem Fortschritt so manches Geschlecht heranbilden wird, zu ihrem Wohle und zum Wohle unseres Vaterlandes! Das walte Gott!